Forschungsprojekt engagiert sich für Kinder-Rechte
Kinder und Jugendliche, die in Heimen leben, haben ein Recht auf Beteiligung in allen sie betreffenden Angelegenheiten. Wie diese Beteiligung in der Realität gelebt und wie sie gestärkt sowie verbessert werden kann, untersucht seit 2005 ein Forschungsschwerpunkt an der Hochschule Landshut unter der Leitung von Prof. Dr. Mechthild Wolff, Dekanin der Fakultät Soziale Arbeit. „Über die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen und deren Einschätzungen, Erfahrungen und Wünsche als Nutzer/innen der Heimerziehung war bisher wenig bekannt. Erkenntnisse über die Sicht der Betroffenen sind aber grundlegend, um den Rechtsanspruch auf Beteiligung in ihrem Sinne umsetzen zu können.“
Gemeinschaftsinitiative zur Verbesserung der Beteiligung
Vor diesem Hintergrund startete im Februar 2005 eine Gemeinschaftsinitiative des SOS-Kinderdorf e.V., der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen e.V. (IGfH) und der Hochschule Landshut / Fakultät Soziale Arbeit, unter der Leitung von Prof. Dr. Mechthild Wolff. In den vergangenen drei Jahren verfolgten die Initiatoren mit zwei Forschungs- und Entwicklungsprojekten das Ziel, Ansatzpunkte zur Verbesserung der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in der Heimerziehung zu finden.
Bei einem Treffen der Projektsteuerungsgruppe informierte sich kürzlich Reinhold Bauer, Geschäftsführer SOS-Kinderdorf Deutschland, über Ergebnisse und den aktuellen Stand geplanter und möglicher weiterer Projektschritte. Dabei betonte er die Bedeutung und den hohen Praxisbezug des Projektes: „Die Ergebnisse werden von Fachleuten im nationalen und internationalen Kontext mit großem Interesse wahrgenommen. Dabei garantiert die hervorragende Arbeit des Landshuter Forschungsteams sowohl hohe Qualität als auch großen Praxisbezug.“
Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist in allen Bereichen der Erziehung und Bildung von zentraler Bedeutung. Sie ist grundlegendes Prinzip der UN-Kinderrechtskonvention, der EU-Kinderrechtsstrategie sowie des Kinder- und Ju-gendhilfegesetzes (KJHG). In der konkreten Umsetzung im Alltag der stationären Erziehungshilfen fanden die Einschätzungen, Wünsche und Anregungen der betroffenen Jugendlichen aber bisher kaum Gehör.
Erstes Forschungsprojekt erarbeitet Qualitätsstandards
Angebunden an die europaweite Initiative „Quality4Children“, untersuchte das erste Projekt an der Hochschule Landshut Vorstellungen der betroffenen Kinder und Jugendlichen zur Beteiligung sowie deren Beteiligungswünsche. In den Jahren 2005 und 2006 wurden im Landshuter Projekt „Beteiligung – Qualitätsstandard für Kinder und Jugendliche in der Heimerziehung" gemeinsam mit Jugendlichen Workshops durchgeführt, um zu erfahren, wie aus ihrer Sicht eine gelingende Beteiligung aussehen sollte. Ein Ergebnis lautete, dass die Jugendlichen Beteiligung im Alltag erleben und spüren wollen. Institutionalisierte Beteiligungsformen, wie beispielsweise Heim- oder Sprecherräte, sind für sie nur Makulatur, wenn sie nicht mit einem notwendigen Klima alltäglicher Beteiligung einhergehen oder keine Kultur der Beteiligung im Alltag entstehen kann.
Auf Grundlage der Ergebnisse entstand ein Katalog von Empfehlungen für die Praxis zur Umsetzung von Beteiligung in der Heimerziehung. Zusätzlich flossen die Empfehlungen dieses ersten Forschungsprojektes auf europäischer Ebene in das Netzwerk der Initiative Quality4Children ein und wurden in einen Katalog von gemeinsamen Qualitätsstandards für die Heimerziehung in Europa eingearbeitet. Diese von 32 Ländern erarbeiteten Standards liegen derzeit in sieben Sprachen vor.
Folgeprojekt schafft empirische Erkenntnisse
Um die Erkenntnisse der ersten Forschungsphase empirisch zu fundieren, wurde ein Folgeprojekt initiiert, das von 2006 bis 2008 von der „Stiftung Deutsche Jugendmarke“ finanziell unterstützt wird. In diesem Rahmen wurde eine bundesweite repräsentative Befragung unter Jugendlichen in der stationären Jugendhilfe durchgeführt. Gemeinsam mit dem kooperierenden Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München sowie dem Sozialpädagogischen Institut im SOS-Kinderdorf (SPI), München wurden 1670 Fragebögen an 195 Einrichtungen in allen Bundesländern versandt. 132 Einrichtungen (68%) nahmen teil, insgesamt wurden 1070 Fragebögen (64%) ausgewertet. Die Jugendlichen bewerten darin die von ihnen erlebte Beteiligung als gut bis zufrieden stellend. Allerdings berichten sie zugleich häufig von wenig ausgeprägten institutionalisierten Beteiligungsstrukturen und wenig Möglichkeiten, wesentliche Dinge wirklich mit entscheiden zu können. Der Abschlussbericht der Studie „Gelingende Beteiligung im Heimalltag aus Sicht von Jugendlichen“ ist mit Ablauf des Projektes Mitte des Jahres zu erwarten.
Ein weiteres Ziel der Projektpartner lautet, ein nationales Netzwerk zu knüpfen. Dieses soll die Fachdiskussion und den Austausch fördern sowie Wissen zur Verbesserung der Beteiligungschancen in der Heimerziehung sichern und dokumentieren. Hierzu fand im Juli 2007 in Frankfurt/Main ein Hearing von Jugendlichen „auf Augenhöhe“ mit Fachleuten aus Verbänden, Behörden und der Wissenschaft statt. Es wurden u.a. erste Ergebnisse der Repräsentativbefragung präsentiert sowie Ideen, Maßnahmen und erste Schritte zur Verbesserung von Beteiligungschancen vereinbart. Anfang Dezember diesen Jahres wird eine Folgeveranstaltung in Form einer Netzwerktagung in Berlin stattfinden.
Prof. Dr. Wolff und Projektmitarbeiterin Sabine Hartig arbeiten momentan an der Entwicklung eines „Beteiligungsfördernden Werkbuchs für Jugendliche und Professionelle“. „Das Buch soll sowohl den betroffenen Jugendlichen als auch ihren Betreuern/innen Wege und konkrete Umsetzungsmöglichkeiten aufzeigen, wie Beteiligung gelingen kann,“ erklärt Prof. Dr. Wolff. Um eine größtmögliche Nutzerfreundlichkeit zu gewährleisten, wurde im Februar 2008 eine Ideenwerkstatt mit Jugendlichen und Betreuer/innen aus der Heimerziehung durchgeführt, um deren Anregungen, Denkanstöße und Beispiele gelungener Beteiligung im Heimalltag für das Buch aufzunehmen. Das Werkbuch wird im Jahr 2008 fertig gestellt.
Weitere Infos unter www.dieBeteiligung.de (ext.).