Kompetenz im Bereich alternative Antriebe für Automobilindustrie essenziell
Ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Automobilindustrie sind Kompetenzen im Bereich alternativer Antriebskonzepte wie den E-Cars. Dies ist ein Ergebnis einer Analyse der Automobilindustrie in der aktuellen Wirtschaftskrise, die Prof. Dr. Carsten Röh in seiner Antrittsvorlesung vor über 100 interessierten Zuhörern - teilweise aus der Automobilindustrie - an der Hochschule Landshut bot. Er verstärkt seit diesem Sommersemester die Fakultät Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurwesen im Bereich Automobilwirtschaft und verfügt über langjährige Erfahrung in der Automobilindustrie.
Dabei unterstrich Röh die Bedeutung des Automobilsektors in Deutschland, der ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor sei: jeder 7. Arbeitsplatz hänge vom Automobil ab, über 5 Millionen Menschen seien in diesem Umfeld beschäftigt, im Jahr 2007 seien ca. 4 Millionen Fahrzeuge exportiert worden. Und diese Branche werde durch die aktuelle Wirtschaftslage, die er mit der Weltwirtschaftskrise 1929 verglich, hart getroffen. Auch heute sei ein enormer Nachfrage- und Produktionseinbruch sowie eine hohe Staatsverschuldung kennzeichnend. Doch sowohl aus der Rezession 1929 als auch aus dem Abschwung nach dem Wiedervereinigungsboom 1993/1994 sei gerade die deutsche Automobilindustrie ausgesprochen gestärkt hervorgegangen.
Neue Herausforderungen für die Automobilindustrie
Der konsequente Ausbau des technischen Vorsprunges sowie die ausgeprägte Lohnzurückhaltung seien die Schlüsselfaktoren für Produktivitätssteigerungen und hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit gewesen. Doch diese Instrumente scheinen in der aktuellen Krise nicht mehr auszureichen. Wegen der veränderten Rahmenbedingungen, insbesondere der CO2-Thematik sowie der absehbaren Endlichkeit fossiler Treibstoffe, werde ein fundamentales Umdenken erforderlich. Neue technische Konzepte wie die Elektro-Mobilität und dafür nötige Infrastrukturen (Energiegewinnung und Ladevorgänge) müssten erstellt und aufgebaut werden sowie neue zweckmäßige Zusammenarbeitsmodelle zwischen Zulieferern, Herstellern und Händlern in der Branche wachsen.
Ungebrochen sei die nach wie vor wachsende Tendenz nach individueller Mobilität. Und eigentlich habe die Automobilindustrie alles richtig gemacht: Lean Management wurde konsequent umgesetzt, die Lieferkette sei in der europäischen Automobilindustrie konsequent optimiert worden und stehe im Hinblick auf Effizienz und Produktivität mit an der Spitze. Von Kunden frei zusammenstellbare Produkte könnten so ausgesprochen effizient gefertigt und angeboten werden. Ausgehend von weiterhin wachsenden Absatzmärkten seien die dafür vorgehaltenen Kapazitäten vor dem Hintergrund der heutigen Rezession allerdings viel zu groß, der Fahrzeugabsatz sei weltweit um über 20% eingebrochen.
Die Dynamik der aufstrebenden asiatischen Länder - insbesondere Indiens und Chinas – habe zwar die Fahrzeugbranche in Europa beflügelt, aber gleichzeitig zu einem drastischen Anstieg des Bedarfes an Rohstoffen, insbesondere Öl aber auch Stahl, Aluminium, Kupfer usw. und zu einer starken Verteuerung geführt. Prof. Dr. Röh zeigte auf, dass alleine der Anstiege von Rohstoffkosten für Produktionsmaterial im B-Segment („Golfklasse“) ca. 500 Euro je Fahrzeug im Zeitraum 2002 bis 2007 ausgemacht habe. „In diesem Segment sind die Erträge der Hersteller nahe Null, Fahrzeughersteller bzw. Zulieferer zahlen je Fahrzeug diesen Betrag an Rohstoffkostensteigerungen drauf, weil sie diese nicht an die Endkunden weitergeben können,“ so Prof. Dr. Röh. Bei größeren Fahrzeugen sei mehr Geld zu verdienen, allerdings würden sich die Käufer gerade von diesen Fahrzeugen in der aktuellen Lage abwenden. Dies bekämen besonders die deutschen Premium-Hersteller zu spüren.
Alternative Antriebskonzepte sind gefragt
„Neuartige Fahrzeugkonzepte sind gefragt, die sich den veränderten Rahmenbedingungen und Kundenwünschen anpassen,“ ist Prof. Dr. Röh überzeugt. Als Beispiel nennt er den Prototypen „Greenster“, des Porsche-Veredlers Ruf aus dem Allgäu, ein sehr leistungsstarkes auf reinen Elektrobetrieb ausgelegtes Fahrzeug, das an der Steckdose aufgeladen werden kann (Plug-in). Auch das an der Hochschule Landshut auf Basis eines BMW X5 aufgebaute Hybridkonzept gehe diesen Weg.
Fraglich sei jedoch, wann derartige Konzepte auch seitens der Automobilhersteller in Großserie umgesetzt und vor Kunden gebracht werden können. Auf den Weg dahin seien große Herausforderungen zu stemmen. Heute entstünden für stromgetriebene Fahrzeuge Mehrkosten in Höhe von über 10.000 Euro. Geeignete Batterien, die einen größeren Radius erlauben, seien bisher nicht auf dem Markt. Auch würde ein sofortiges Umschwenken auf Elektro-Fahrzeuge eine Amortisation der immensen Entwicklungskosten der Verbrennungsaggregate unmöglich machen.
Der Antriebsstrang habe bisher häufig zur Profilierung einer Marke gedient. Im Hinblick auf elektrische Antriebsstränge stünden die etablierten Hersteller aber erst am Anfang der Entwicklung. Da die Produktentstehung im Autombilbereich rund fünf Jahre in Anspruch nähme, würde es dauern, bis hier neue Fahrzeuge auf den Markt kämen. Zusätzlich müsste erst eine Infrastruktur für das Aufladen der Fahrzeuge aufgebaut werden.
Im Angesicht der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise empfiehlt Prof. Dr. Röh der Automobibranche einen klaren Fokus auf die Liquiditätssicherung zu setzten. Unerlässlich sei aber gerade für deutsche Unternehmen ein deutliches Engagement in Forschung und Entwicklung, um neue Produkte von Morgen voranbringen zu können. Zulieferern rät er, die Geschäftsfelder Entwicklung und Herstellung zu trennen und international optimiert aufzustellen.
Dabei empfahl er den Herstellern, auf umweltverträgliche und sparsame Antriebskonzepte zu setzten. Der Handel solle sich internationaler orientieren, da auch der Fahrzeugabsatz verstärkt auf internationalen Märkten stattfinden werde.
Eine wichtige Rolle spiele bei all diesen Überlegungen der Staat, der die Kreditvergabe Politik der Geschäftsbanken stimulieren und Forschung – gerade auch an Hochschulen - fördern müsse.
