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Familienarmut trifft insbesondere Kinder

Prof. Dr. Walper bei ihrem Vortrag zum Thema Kinderarmut.Mit dem brisanten Thema der Kinderarmut befasste sich Prof. Dr. Sabine Walper (LMU München) in ihrem Vortrag "Wenn Kinder arm sind - Familienarmut und ihre Folgen" im Rahmen des Veranstaltungsprogramms zum 30-jährigen Bestehen der Hochschule Landshut. Initiiert hatte den Vortrag, dem rund 150 interessierte Gäste – darunter auch Landshuts OB Hans Rampf -  die Fakultät Soziale Arbeit zusammen mit der Hochschulgemeinde (HSG).

Kinderarmut sei kein feierliches Thema, betonte Prof. Dr. Mechthild Wolff, Dekanin der Fakultät Soziale Arbeit bei ihrer Begrüßung. Doch es sei ein gutes Thema, um 30 Jahre Fakultätsarbeit an der FH Revue passieren zu lassen, und um zu erkennen, was geleistet wurde und welche Entwicklungen noch anstehen.

Schlechte Bildungschancen für arme Kinder

Internationale Vergleiche würden zeigen, dass im deutschen Bildungssystem gerade Kinder aus sozial schwachen Familien geringere Chancen hätten, einen hohen Bildungsgrad zu erreichen. "Es ist ein Thema, dass mir sehr am Herzen liegt", erklärte Prof. Dr. Sabine Walper. Es gäbe unterschiedliche Definitionen von Armut. Eine existenzielle Gefährung der Grundbedürfnisse sei bei uns weniger häufig vorhanden, es gäbe keine genauen Zahlen, Schätzungen würden von 1.500 Straßenkindern in der BRD bis hin zur gleichen Zahl alleine in Berlin ausgehen.

In Deutschland treffe man meist auf "relative" Armut, also Einkommensarmut oder/und Sozialhilfebezug. Risikofaktoren in diese Armut abzurutschen seien Arbeitslosigkeit, mangelnde Bildung, Migrationshintergrund oder das alleinige Erziehen von Kindern oder/und kinderreiche Haushalte. Insgesamt sei in der Bevölkerung ein Anstieg der Armutsquoten zu beobachten, Kinder seien hiervon besonders betroffen.

Negative Auswirkungen auf Entwicklung von Kindern

Rund 150 interessierte Zuhörer, darunter Landshuts OB Hans Rampf, folgten dem Vortrag.Es gäbe markante Ungleichverteilungen des Wohlstands, dies bekämen bereits die Kleinsten in der Gesellschaft zu spüren - die Kinder aus armen Familien. Auswirkungen seien in den Bereichen Gesundheit/Befindlichkeit, Sprache, Kognition Schule, Problemverhalten und Sozialen Bindungen zu beobachten. Eine mangelnde Bildung der Eltern und Stress im Familiensystem seien Faktoren, die wie "durch ein zentrales Nadelöhr auf die Kinder transportiert werden", erklärte die Expertin.

Auch von Seiten Gleichaltriger würden diese Kinder den Ausschluss von der Gesellschaft erfahren. Betroffene Kinder würden oft mit Scham und Rückzug reagieren. Eine fehlende soziale Einbindung, sprachliche Schwierigkeiten, gesundheitliche Probleme aber auch Rebellion seien die Folgen. "Das Risikoverhalten von armen Kindern, mit dem Rauchen zu beginnen, ist deutlich höher, als bei Kindern aus sozial gesicherten Schichten. Das Einstiegsalter beginnt bereits ab elf Jahren", machte Prof. Dr. Walper aufmerksam. Optimismus und Selbstbewusstsein blieben auf der Strecke.

Laut IGLU und Pisa-Studie sei Deutschland Spitzenreiter in der Diskrepanz der Lesekompetenz von armen und reichen Kindern. Dies führte sie zu der Frage, ob reiche Kinder mehr von der Schule profitieren oder ob das Freizeitverhalten ausschlaggebend sei. Laut einer US-amerikanischen Untersuchung sei bei Kindern aus wohlhabenden Familien nach den Sommerferien ein Zuwachs an Wissen feststellbar, bei Kindern aus einkommensschwachen Haushalten fiel er erheblich geringer aus. "In der Zeit, in der die Kinder bei ihren Eltern sind, tun sich Unterschiede auf", führte Walper aus. Deshalb sei es besonders wichtig, hier Fördermöglichkeiten zu schaffen.

Professionelle Unterstützung nötig 

Prof. Dr. Walper stellte einige Ansätze vor, die versuchen, betroffene Kinder zu fördern.  Im  niederländischen Präventionsprogramm "Ostapje" würden beispielsweise Laienhelfer direkt in den Familien den Eltern zur Seite stehen und ihnen Kompetenzen vermitteln, um ihre Kinder optimal zu fördern. Das Programm "Hippy" baue auf "Ostapje" auf und bereite die Kinder auf die Schule vor. Auch würden strukturierte Nachmittagsprogramme laut einer Studie den Kindern beim Lernen helfen und deren Leistungen verbessern.

Die Krippenbetreuung, die zur Zeit auch bei uns vom Staat stark gefördert werde, wirke sich ebenfalls positiv aus - bei armen Kindern wohlgemerkt. Die Fähigkeiten von Kindern, deren Eltern höheren Einkommensschichten angehören, seien dagegen deutlich höher ausgeprägt, wenn sie häuslich betreut werden. Insgesamt sieht Prof. Dr. Walper in der außerfamiliären Betreuung eine große Chance, „vorausgesetzt diese ist qualitativ hochwertig ausgestaltet“. Hier ist ihrer Meinung nach einer hoher sozialpolitischer und pädagogischer Handlungsbedarf.

Politik ist gefordert zu handeln 

Die Diskussionsrunde forderte die Politik zum Handeln auf. Welche Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen zu ziehen seien, fragte Dr. Alfons Hämmerl (HSG), der die anschließenden Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Walper und vier Professoren der Fakultät Soziale Arbeit moderierte. Die Experten waren sich hierbei einig, dass die Politik hier gefordert sei. "In unserem Schulsystem haben wir ein riesen Programm vor uns", betonte Walper. In einem Schulsystem, das so selektiv sei wie in Deutschland, könnten die Kinder nicht voneinander lernen, da sie unter sich blieben, stimmte ihr Prof. Dr. Clemens Dannenbeck zu. Die so genannte „soziale Gerechtigkeit“ ist für  Prof. Dr. Hubert Beste ins politische Abseits gerückt, während Wirtschaft und Ökonomie in den Vordergrund gestellt worden seien. "Die Sozialpolitik sollte in die Pflicht genommen werden", erklärt er. In allen politischen Fragen würde Verstärkung statt Korrektur betrieben, bemängelte auch Prof. Dr. Christoph Fedke. Die Studienbeiträge seien ein Beispiel dafür, sie würden es jungen  Erwachsenen aus weniger einkommensstarken Familien den Zugang zur Hochschule erschweren.
 

Updated: 14.04.2009
 
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