HSG-Vortrag: Mit dem Wohnmobil durch das unbekannte Albanien
Seine Eindrücke von einer Urlaubsreise durch Albanien schilderte Prof. Dr. Dieter Nazareth (Fakultät Informatik) in einem Vortrag für die Hochschulgemeinde (HSG). Einblicke in dieses wenig bekannte Reiseland wollten mehr als hundert interessierte Gäste – nur ein kleiner Teil darunter Hochschulangehörige - erhalten. Im Folgenden eine Schilderung der Reise von Prof. Dr. Nazareth.
Vielfältiges Reiseland Albanien mit schlechtem Ruf
Ein wenig mulmig ist mir jetzt schon, als ich mit meinem Camper an der albanischen Grenze stehe und die Einreiseformalitäten über mich ergehen lasse. Mir schwirren die Warnungen meiner Bekannten durch den Kopf. „Was? Ihr wollt nach Albanien fahren? Da werdet ihr ja ausgeraubt!“. So oder so ähnlich klangen die gut gemeinten Warnhinweise. Fast hätten wir uns einschüchtern lassen, aber jetzt stehen wir hier an der Grenze zwischen Montenegro und Albanien.
Die Einreise ist problemlos. Reisepass und grüne Versicherungskarte genügen. Der Grenzübergang ist ganz neu. Vor dem Abfertigungsgebäude weht die Fahne der Europäischen Union, und das, obwohl weder Montenegro, noch Albanien zur EU gehören. Aber beide wollen Sie dort hin und das mit großen Schritten.
Albanien, ein Land mit dem man viele Vorurteile verbindet und über das man kaum etwas weiß. Ein Land, das jahrzehntelang von dem Diktator Enver Hoxha von der Außenwelt isoliert worden war. Und doch liegt dieses Land mitten in Europa. Ein Land, von unglaublicher geographischer Vielfalt, mit alpinen Gebirgszügen und mehr als 300km Meeresküste. Diese Eigenschaft macht es zu einem interessanten Reiseland.
Picturesque Landschaft mit Famlienanbindung
Unser erstes Ziel gilt den Albanischen Alpen. Wir wollen in den Nationalpark nach Theth im Norden von Albanien. Ein Tal, umringt von bis zu 2700 Meter hohen Bergen, das im Winter für bis zu 4 Monate von der Außenwelt abgeschnitten ist. An die hier in vergangenen Zeiten herrschende Blutrache erinnert ein Symbol aus dieser Zeit, der Blutracheturm von Theth.
Dreißig Kilometer vor unserem Ziel endet die Teerstraße und es beginnt eine Schotterstraße, die nur ein Fortkommen im Schritttempo ermöglicht. So schrauben wir uns drei Stunden lang langsam auf den 1630 Meter hohen Therthores Pass und auf der anderen Seite wieder runter. Endlich ankommen, werden wir sofort von einem kleinen Jungen namens Francesco auf Englisch begrüßt. Er führt uns zum Bauernhof seines Vaters, der einfache Zimmer vermietet. Wir können mit unserem Camper für fünf Euro im Hof übernachten und werden sofort in die Großfamilie integriert.
Nach ein paar Tagen verlassen wir dieses idyllische Gebirgstal wieder und fahren ans Meer nach Shengjin. Nein, wir sind nicht in China gelandet. Shengjin ist ein aufstrebender Badeort entlang einer langgestreckten Bucht mit feinem Sandstrand, an dem sich die Hotels wie an einer Perlenschnur den Strand entlang reihen. Und irgendwann wird die ganze Bucht von Betonbauten vereinnahmt sein. Wir fahren am Strand entlang und suchen uns einen ruhigen Stellplatz im Pinienwald direkt am Meer. Campingplätze gibt es in Albanien noch nicht, das freie Campen in der Natur ist jedoch erlaubt und problemlos möglich. Unsicher haben wir uns dabei nie gefühlt.
Albanien kennt eine kurze aber sehr heftige Hochsaison. Im August werden die Strände von Kosovaren, von Mazedoniern und natürlich von den Albanern selbst in Beschlag genommen. Dann sind die Strandbars und Diskos voll und manche Strände werden zur Partymeile umfunktioniert. Im September ist wieder alles ruhig und viele Diskos und Restaurants haben schon wieder geschlossen. Wir sind an diesem Abend die einzigen Gäste in der Taverne am Strand. Das Essen, Lamm und Fisch, ist gut und günstig. Die Verständigung ist problemlos. Der Wirt erzählt uns, dass er im Winter wieder die Schulbank drückt und sein Englisch verbessern möchte.
Albanien im Umbruch
Wir fahren weiter nach Süden und wollen die Hauptstadt Tirana besuchen. Die Straßenverhältnisse sind hier sehr gut, überall wird vierspurig zu einer Autobahn ausgebaut und auch in Tirana selbst herrscht rege Bautätigkeit. Alte Plattenbauten verschwinden und moderne Gebäude entstehen. Nur eines fehlt in Tirana: es gibt keine internationalen Fast Food Ketten. Dafür kann man sich überall am Straßenrand mit leckeren Kebab- und Blätterteiggerichten versorgen.
Die Albanische Küche unterlag vielen Einflüssen: türkischen, griechischen und natürlich italienischen. Überall entlang der Küste findet man Pizzerien, in denen im Holzofen leckere Speisen zubereitet werden. Und das zu einem unschlagbaren Preis.
Auch kulturell hat Albanien einiges zu bieten. Wir besuchen Appolonia, eine antike Stadt, in der zur Römerzeit bis zu 60.000 Menschen lebten. Bei unserer Ankunft ist es bereits dunkel, die Schranke zur Ausgrabungsstätte ist geöffnet und ein freundlicher Nachtwächter begrüßt uns. Er zeigt uns einen Platz unter einem uralten Olivenbaum, wo wir mit unserem Camper übernachten können. Mitten auf dem Aufgrabungsgelände, wie uns erst am nächsten Morgen klar wird. Direkt neben uns wird gerade eine römische Villa ausgegraben. Wir zahlen einen Obolus von 1€ und besichtigen in aller Ruhe das riesige Gelände. Am Vormittag sind wir die einzigen Besucher dieser, neben Butrint wichtigsten Ausgrabungstätte Albaniens.
Wir wollen unseren Urlaub ganz im Süden an der Albanische Riviera ausklingen lassen. Dieser Küstenabschnitt ist wohl der schönste Albaniens. Die Küste ist zerklüftet und viele tief eingeschnittene Buchten sind nur mit Allrad erreichbar. Wir übernachten mit unserem Camper direkt am Strand und genießen jeden Abend den Sonnenuntergang. An vielen Stränden kann man Zimmer in kleinen Hotels oder Pensionen mieten.
Zusammen mit einer Familie aus Erding, die mit einem umgebauten Unimog unterwegs ist, sitzen wir am Strand um das Lagerfeuer und trinken selbstgebrannten Rake aus Plastikwasserflaschen. Den gibt es in ganz Albanien in allen Läden zu kaufen. Für uns ist klar: wir werden wieder kommen. Aber wir müssen uns beeilen. Überall stehen die Bulldozer und schieben breite Straßen zu den Buchten. In 10 Jahren ist auch hier alles touristisch erschlossen und verbaut und das letzte Geheimnis Europas gelüftet.
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