Waldorfschule: Lehrer als Brücke in die Welt
Rund fünfzig interessierten Gäste nutzten die Gelegenheit, sich bei einem Vortrag Einblicke in das pädagogische Konzept der Waldorfschulen zu verschaffen. Anlass war die aktuelle Initiative zur Gründung einer Waldorfschule in Landshut und Straubing. Der Vortrag von Barbara Ostheimer und Klaus Weißinger (beide Lehrer an der Rudolf-Steiner-Schule Ismaning) zum Thema „Soziales Lernen in der Waldorfschule“ wurde vom Kreis für Waldorfpädagogik Landshut e.V. zusammen mit der Fakultät Soziale Arbeit veranstaltet.
Die erste Waldorfschule, gegründet in Stuttgart 1919 nach den Wirren des Ersten Weltkriegs, sollte einen neuen kulturellen Impuls geben. Der Begründer Rudolf Steiner, Esoteriker und Philosoph, wollte die Kindeserziehung und Ausbildung reformieren. Mittlerweile gibt es weltweit circa 1000 Schulen dieser Art.
In seinen einleitenden Worten stellte Christian Kaiser vom Kreis für Waldorfpädagogik das ambitionierte Projekt vor, die erste niederbayerische Waldorfschule zu gründen. In den beiden folgenden Vorträgen wurde die Vorbildfunktion der Lehrer gegenüber den Schülern für deren Entwicklung in den Fokus gerückt und als elementares Mittel zum nachhaltigen Lernerfolg dargestellt.
Barbara Ostheimer, zuständig in der Lehrerausbildung und in der Gründungsberatung für Schulinitiativen, betonte, das Begeistern der Schüler komme an staatlichen Schulen zu kurz und die Kinder würden deswegen nicht optimal auf die heutigen „heftigen“ Anforderungen des Arbeitslebens vorbereitet. In ihrem Vortrag informierte sie über die Grundprinzipien der Waldorfpädagogik. Hierbei spiele die soziale Dreigliederung eine wichtige Rolle, also die Unterteilung in die Bereiche Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben, Freiheit im Geistesleben und Gleichheit in der politischen Gemeinschaft.
Waldorfschulen seien nicht staatlich anerkannt, da sie sonst die staatlichen Lehrpläne übernehmen müssten, sie seien aber staatlich genehmigt. Nur so sei es möglich, den Lehrplan an das „sich entwickelnde Kind“ anzupassen, wie es an Waldorfschulen gelebt werde. Gerade der Klassenlehrer in der Unterstufe sei für die Schüler die Brücke in die Welt der Erwachsenen. Vornehmliche Aufgabe des Lehrers sei es, den Kindern die Zeit einzuräumen, die sie für ihr individuell unterschiedliches Fortschreiten brauchen. Das Erlernen des Aufeinander-Achtgebens gelinge gerade im bunt zusammengeschlossenen Klassenverband, der dann über zwölf Jahre bestehen bleibt, sehr gut.
Über die Ausgestaltung des Lehrplans referierte Klaus Weißinger, Oberstufenlehrer für Deutsch und Geographie. Jeder Tag starte mit zwei Stunden Hauptunterricht, hierbei werde in sogenannten „Epochen“ unterrichtet, das heißt, z.B. drei Wochen am Stück nur Deutsch, danach folge das nächste Fach. So sei der Lehrer in der Lage, ein Thema kompakt durchzuarbeiten, ohne ständig lange Pausen zwischen dem Unterricht zu haben. Gelernt werde grundsätzlich unter sozialen Aspekten, so lernen Waldorfschüler das Rechnen etwa nicht nur über das Zusammenzählen, sondern auch durch das Teilen mit anderen.
Auch sei es bei Kleinkindern nicht sinnvoll, Vorträge zu halten. Diese würden nicht durch Aufforderung, sondern durch Erlebnisse und Wiederholungen, bzw. durch die Vorbildfunktion der Lehrer, lernen. Gerade diese jungen kostbaren Jahre, in denen die Nachahmungsfähigkeit der Kinder noch stark ausgeprägt sei, würden genutzt, um Sprachen spielerisch zu vermitteln.
Bemerkenswert sei eine Abiturquote von fast fünfzig Prozent an Waldorfschulen, also deutlich höher als an staatlichen Schulen. Das durchschnittliche Abitur falle zwar im Schnitt etwas schlechter aus, dies aber, weil man die Abwärtswanderung vom gymnasialen Zweig in die mittlere Reife oder gar zum qualifizierten Hauptschulabschluss an Waldorfschulen verhindern würde. So würden hier auch viele Schüler das Abitur erreichen, die am staatlichen Gymnasium schon längst durchs Raster gefallen wären.
An der Waldorfschule werde ein monatliches Schulgeld von ca. 300.- Euro erhoben, allerdings auch Schüler/innen nicht abgelehnt, deren Eltern dieses Schulgeld nicht bezahlen könnten. Hier greife der soziale Gedanke der Schule, wonach diejenigen Eltern mehr leisten, die dazu in der Lage sind, um diejenigen zu entlasten, die das Schulgeld nicht in voller Höhe leisten könnten.
In einer abschließenden spannenden und lebhaften Diskussion wurde die Möglichkeit reichhaltig in Anspruch genommen, Fragen zu stellen und sich über dieses Schulsystem zu informieren. Hierbei stellte sich auch heraus, dass sich gerade für Studierende der sozialen Arbeit vielfältige Berufsmöglichkeiten ergeben.
Text und Foto: Stephan Greitl und Maria Isabel Proano
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