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Sexuelle Gewalt - Strukturen und Miteinander hinterfragen 

Buchlesung mit Prof. Dr. Kappeler.Einen gelungen Start mit einem brisanten Thema hat die neue Reihe „Dialog auf dem blauen Sofa“  der Fakultät Soziale Arbeit an der Hochschule Landshut erfahren. Rund 70 Gäste nutzten die Gelegenheit, an der Autorenlesung mit Prof. Dr. Manfred Kappeler und dem anschließendem Dialog zum Thema „Anvertraut und Ausgeliefert - Sexuelle Gewalt in pädagogischen Einrichtungen“ teilzunehmen. Im Mittelpunkt der von Prof. Dr. Mechtihild Wolff (Fakultät Soziale Arbeit) in Kooperation mit der HSG initiierten Veranstaltung stand nach bedrückenden Beispielen in der Autorenlesung die Frage, wie das asymmetrische Machtverhältnis in pädagogischen Einrichtungen so gestaltet werden kann, dass sexuelle Übergriffe nicht mehr vorkommen.

Beklemmende Beispiele in der Autorenlesung

Im ersten Teil der Veranstaltung las Prof. Dr. Manfred Kappeler, Sozialpädagoge und Erziehungswissenschaftler, der sich seit Jahrzehnten mit dem Thema befasst, aus seinem Buch „Anvertraut und Ausgeliefert - Sexuelle Gewalt in pädagogischen Einrichtungen.“ Obwohl er sich bei seiner Lesung auf den Bereich der sexualisierten Gewalt beschränkte, die nicht unter Strafandrohung steht, erzeugte er mit zahlreichen beklemmende Beispiele bei den Zuhörern tiefe Betroffenheit.

Dabei stellte er auch die Frage, wie es möglich sei, dass man beim Beginn der öffentlichen Diskussion vor rund eineinhalb Jahren noch nie etwas von diesem Thema davon gehört haben kann. In der Sozialpädagogik sei seit langem über den sexuellen Missbrauch diskutiert, dies jedoch von der Öffentlichkeit lange nicht zur Kenntnis genommen worden. Sein Erklärungsversuch: das Thema habe erst zum Aufschrei geführt, nachdem die Kinder von privilegierten Eltern davon betroffen gewesen seien.

Suche nach Ursachen muss Strukturen einschließen

Bei der Suche nach den Ursachen für sexuelle Übergriffe greife es viel zu kurz,  die Schuld auf pädosexuelle Einzeltäter zu verkürzen, dies ignoriere die Rolle von strukturellen Bedingungen. Dabei ging er speziell auf kirchliche Einrichtungen ein und betonte, alle Menschen seien sexuelle Wesen, Betreuende sowie Kinder und Jugendliche. Deshalb laute eine wichtige Frage, wie in Einrichtungen und von Seite der Pädagogen mit diesem Themenkomplex umgegangen werde. Und in kirchlichen Einrichtungen sei dieser Umgang durch die kirchliche Sexualmoral geprägt, Sexualität sei tabuisiert, feindlich behandelt, unterdrückt und verfolgt worden. Und bereits die Abwehr von Sexualität, die ein positiver Aspekt des Lebens sei, ist für ihn sexuelle Gewalt.

Beim Dialog auf dem Blauen Sofa v.l.n.r.: Prof. Dr. Manfred Kappeler, Hochschulseelsorger Dr. Alfons Hämmerl, Michael Börgel (Jugendamt Landshut), Ulf-Arne von Trotha (Jugendwohnheim Landshut), Gabriele Heinze (AWO Kreisverband Landshut e.V.), Holger Peters (Diakonisches Werk Landshut), Prof. Dr. Mechthild Wolff.Im  anschließenden Dialog mit Vertretern von sozialen Einrichtungen, dem Jugendamt sowie der Hochschulgemeinde wurde die Grundproblematik noch einmal deutlich. Wie Moderatorin Prof. Dr. Wolff betonte, selbst Mitglied des Runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch der Bundesregierung, herrsche in pädagogischen Einrichtungen immer ein asymmetrisches Machtverhältnis, mit geschlossenen pädagogischen Settings. Die Grundfrage laute, wie das Verhältnis zwischen Betreuten und Betreuenden aussehen müsse, um sexuelle Gewalt vermeiden zu können.

Ansprechpartner außerhalb der pädagogischen Einrichtung

„Wer Prävention meint, muss Gefahr denken,“ erklärt Prof. Dr. Kappeler grundsätzlich. Trotzdem sei es der falsche Weg, das Thema Sexualität auszugrenzen, um Vorwürfe zu vermeiden. Ebenso sei Distanz zwischen Kindern und Betreuern nicht die Lösung. Kinder und Jugendliche müssten aber immer die Möglichkeit haben, aus einem pädagogischen Bezug auszutreten, diesen verlassen zu können bzw. außen Ansprechpartner zu haben. Dabei müsse sichergestellt werden, dass Beschwerde nicht negativ auf sie zurückfällt.

Auch für Michael Börgel, Leiter des Sachgebietes Soziale Dienste im Jugendamt Landshut, sind besonders Vertrauenspersonen außerhalb von Einrichtungen  als Ansprechpartner für Kinder und Jugendliche wichtig, In den Jugendämtern, die auch eine Kontrollfunktion ausüben, seien deshalb persönliche Ansprechpartner vorhanden, an die sich Kinder- und Jugendliche wenden können. Insgesamt sei bei diesem Thema hohe Sensibilität gefragt, dies schon bei der Ausbildung von Fachkräften.

Regeln für das Miteinander definieren?

„Nähe schafft immer Probleme“, wie Holger Peters, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Landshut Diakonie, erklärte: Es stelle sich immer die Frage, wie weit kann ich gehen, ein Kind berühren? Wo sind Grenzen?. Es sei schwierig hier genaue Regelungen zu finden, die Definition von „No-Go“-Verhalten könne ein erster Ansatz sein. Eine Kultur des vertrauensvollen Austauschs ist für Ulf-Arne von Trotha, Leiter des Jugendwohnheims Landshut (Kath. Jugendsozialwerk München e.V.), eine wichtige Grundlage. Beziehungen seien immer individuell, dieses Thema müsse offen in Mitarbeitergespräche angegangen werden. Er äußert sich skeptisch, ob ein Verhaltenskatalog insgesamt helfen könne.

Die AWO sei sich der Verantwortung als Träger von Betreuungseinrichtungen bewusst, wie Gabriele Heinze, Geschäftsleiterinnen des AWO Kreisverbandes Landshut e.V. erklärte. Das Thema des richtigen Verhaltens sei in den einzelnen Einrichtungen präsent, hier sollen - mit Unterstützung von außen - Grundsätze erarbeitet werden, wie man das Miteinander gestalten solle. Auch für den katholischen Hochschulseelsorger Dr. Alfons Hämmerl ist das Verhältnis zu jungen Heranwachsenden ein wichtiges Thema. Hierzu hätten die Katholischen Seelsorger der Hochschulen ein Grundsatzpapier mit dem Titel "für Freiheit und Respekt" erarbeitet. Für ihn ist es überfällig, die Frage nach Strukturen zu stellen. Das grundsätzliche Ziel müsse sein, Menschen Freiheit und Autonomie zu ermöglichen, die sei die Grundlage für christliche Beziehungsgestaltung. 

Wie Prof. Dr. Wolff zusammenfasste, seien Kontrolle, Beratung und Begleitung wichtige Bausteine auf dem Weg zu einem vertrauensvollen Umgang. Dabei seien natürlich auch die Strukturen in den Einrichtungen aber auch der stete Dialog wichtig. Verstärkt solle dieser Dialog mit den Betroffenen selbst, mit den Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen, geführt werden, was bisher zu wenig geschehe. Nach dem erfolgreichen Auftakt des "Dialogs auf dem blauen Sofa" kündigte sie an, weitere Veranstaltungen in dieser Reihe durchzuführen.



 

 


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Updated: 09.12.2011
 
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