Professor aus Dallas im Rahmen des Fulbright Awards an der FH
Im Piusviertel im ersten Stock, mit Blick auf blühende Obstbäume, wohnt
Prof. Larry Chasteen. Die Etage ist ein Abenteuer, denn in Dallas lebt
fast jeder im eigenen, geräumigen Häuschen. Ungewohnt für den Texaner
ist auch die große Weltkarte an der Wand im Flur: Anders als
amerikanische Karten zeigt sie Europa in der Mitte.
Für ein halbes Jahr ist Chasteen in Deutschland: Vier Monate unterrichtet er an der Fachhochschule (FH) angehende Ingenieure in Technologie-Management; je ein Monat am Anfang und Ende ist anderen Fulbright-Aktivitäten vorbehalten Einführungs- und Nachbesprechungen sowie Auswertung. Außerdem gibt Chasteen in Wirtschaftsunternehmen Kurse über neue Management-Techniken.
“Es ist schwierig, als Fulbright-Kandidat einen Platz in Deutschland zu bekommen³, sagt Chasteen. Deutschland sei sehr begehrt, weil es das am besten organisierte Fulbright-Programm anbiete. Von den 600 US-Professoren, die sich in diesem Jahr in die ganze Welt aufmachten, haben nur 30 den Zuschlag für Deutschland bekommen. Dass es einen Fulbrighter aber ausgerechnet nach Landshut zieht, ist trotzdem eher ungewöhnlich.
Prof. Chasteen hat einen guten Grund für seine Affinität zu Landshut: Seit einigen Jahren kooperiert die FH im Rahmen eines Austauschprogramms mit der University of Texas in Dallas, wo Chasteen unter anderem lehrt. Bereits mehrmals waren Leute aus Dallas zu Gast in Niederbayern und umgekehrt. Von daher kannte Charsteen einige Landshuter Kollegen, und FH-Präsident Prof. Erwin Blum hatte an die Fulbright-Kommission einen Brief geschrieben, in dem er Chasteen förmlich als Gastdozenten einlud.
Förderlich für den Zuschlag an Chasteen als Landshuter
Fulbright-Gastdozent dürfte neben dem Einladungsbrief seine berufliche
Erfahrung gewesen sein: Vor 25 Jahren war er schon einmal für drei
Jahre in Deutschland. Damals hat er für Texas Instruments in München
mit den Firmen BMW und Messerschmitt zusammengearbeitet.
Die enge Verbindung zwischen FH und örtlicher Wirtschaft gehört für
Chasteen zu den einprägsamsten positiven Erfahrungen, die er in seine
Heimatstadt mitnehmen wird. In Dallas hätten viele Professoren und
Studenten noch nie in der Wirtschaft gearbeitet, was sich auf die
Leistung auswirke: “Landshuter FH-Studenten arbeiten härter, weil sie
wissen, was sie tun und welche Fragen sie stellen müssen.³
Ihr Interesse gelte nicht nur Seminarscheinen, sondern der Umsetzung des Gelernten in der Praxis. Sogar die englischen Texte verstünden die Deutschen schneller als ihre US-Kollegen: “vielleicht, weil sie den Text in einer Fremdsprache aufmerksamer lesen, vielleicht auch, weil ihnen die Praxis beim Verstehen hilft³.
Überhaupt haben die Deutschen nach Meinung des Professors allen Grund, stolz auf sich zu sein: Sie hätten eine wunderbare Landschaft, eine trotz aller Schwierigkeiten funktionierende Wirtschaft und köstliches Essen. Besonders die Knödel lieben der Professor und seine Frau, und ohne das Kochrezept wollen sie nicht nach Hause zurück. Da Chasteen nur zwei Tage pro Woche an der FH verbringt, hat er genug Zeit, die er unter anderem mit dem Studieren deutscher Vergangenheit verbringt. Stück um Stück vertieft er sich in die jüngste Geschichte und begreift immer mehr, was Krieg auf eigenem Boden bedeutet selbst 60 Jahre danach.
Auch der Alltag der Chasteens ist voller Staunen: Wenn sie das Radio anschalten, wundern sich die beiden, warum die meisten Lieder auf Englisch gesungen werden, und beim Frühstück staunen sie über die vielen Sprachen auf der Cornflakes-Packung.
Obwohl der Professor nur ein paar Brocken Deutsch spricht und das Wort Gemütlichkeit nicht benutzt, ist sie doch wahrscheinlich genau das, was er meint, wenn er über Landshut spricht: “Die Menschen in Landshut spazieren, in Dallas hetzen sie durch die Stadt. In Landshut weiß jeder, wo das Zentrum ist, und draußen auf der Straße stehen Tische, an die sich die Leute setzen, wenn sie Eis essen oder sich vom Radfahren ausruhen.³ Auch Chasteen und seine Frau haben den Genuss des Radfahrens entdeckt, und wie die Einheimischen gehen sie freitags über den Wochenmarkt nicht nur zum Kaufen, sondern auch zum Ratschen.
Dass sich die beiden in Landshut so gut eingelebt haben, hat auch mit der FH zu tun. Neben der offiziellen Unterstützung wiegt besonders der menschliche Kontakt: Chasteen und seine Frau waren nicht allein, als es darum ging, eine Wohnung zu finden, und sie sind nicht allein, wenn sie heute etwas Schönes unternehmen wollen. Chasteen, der in drei Jahren München ein einziges Mal in einem deutschen Haus zu Gast war, hat nach ein paar Monaten in Landshut einen ansehnlichen Freundeskreis. Heimweh bekommen die beiden auf diese Art so schnell nicht. Zumal Amerika heute viel näher ist als vor 25 Jahren: Wenn der Internet-Wetterbericht am Morgen eine Regenfront für Dallas voraussagt, ruft Jean Chasteen ihre erwachsenen Kinder an und sagt, dass sie den Schirm mitnehmen sollen, wenn sie aus dem Haus gehen.-du-
Text Landshuter Zeitung, 11. Mai 2006
