Höhere Anforderungen an Erzieherinnen erfordern Akademisierung
Am 19. Februar 2010 beschäftigen sich an der Hochschule Landshut ca. 70 Expertinnen und Experten im Rahmen einer Anhörung mit der Zukunft der Erzieher/innenausbildung. Initiiert von der Fachakademie Sozialpädagogik Mühldorf und gemeinsam mit der Fakultät Sozialen Arbeit der Hochschule vorbereitet und veranstaltet, diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aller betroffenen Gruppen die stark gestiegenen Anforderungen an den Erzieher/innenberuf und die daraus resultierenden Konsequenzen für die Ausbildung von Erzieherinnen. In Deutschland wird deren Ausbildung bisher durch Fachakademien gewährleistet, in vielen europäischen Ländern wird hingegen ein Hochschulabschluss erwartet. Wie eine verstärkete Kooperation zwischen Fachakademien und Hochschulen funktionieren könnte, zeigte das vorgestellte Pilotprojekt „Mobilitätsstudium“ der Hochschule Landshut und der Fachakademie in Mühldorf.
Das erklärte Ziel der Veranstaltung lautete, Bedarfslagen zu klären und Visionen zu entwickeln. Dies sei nur unter Einbindung von Expertinnen und Experten aller Richtungen möglich, wie Mitveranstalterin Prof. Dr. Mechthild Wolff (Dekanin Fakultät Soziale Arbeit) erklärte: Dem entsprechend kamen bei der Anhörung Praktiker/innen aus Kindergärten und Schulen ebenso zu Wort, wie Vertreter/innen von Fachakademien, Trägern sozialer Einrichtungen, Hochschulen, Kommunen, Ministerien und berufsständischen Interessensgruppen. Einig waren sich die Teilnehmer, dass das veränderte Berufsbild der Erzieherinnen und die Herausforderungen der Frühpädagogik eine Akademisierung verlange.
Ansprüche an Erzieher/innen enorm gestiegen
Der Beruf der Erzieherin habe sich stark verändert und erweitert. Viele Bereiche des täglichen Lebens der Kinder, die früher Bestandteil des Familienlebens waren, würden heute vermehrt durch Erzieher/innen abgedeckt. Ob Patchwork-Familien, Migrationshintergrund, Genderproblematik, die Aufnahme der unter 3-Jährigen in die Betreuung oder Bildungsaufgaben im Vorschulbereich, all dies hätte dafür gesorgt, dass sich „das Anforderungsprofil und die Aufgabengebiete der Erzieherinnen stark ausgeweitet haben“, so u.a. Thomas Zugehör, Geschäftsführer der Diakonie Traunstein.
Um diese Aufgabenfülle bewältigen zu können, bildet die Akademisierung der Erzieher/innenausbildung einen Lösungsansatz. Eine Vergleichsstudie innerhalb der 27 europäischen Länder habe gezeigt, wie Pamela Oberhuemer vom Staatsinstitut für Frühpädagogik ausführte, dass Fachkräfte zur Betreuung der 3- bis 6-Jährigen nur in fünf Ländern – darunter auch in Deutschland – keine akademische Ausbildung hätten. Die Akademikerquote schwanke dem entsprechend von 95 Prozent in Litauen bis zu 3 Prozent in Deutschland.
(Weiter-)Bildungsangebot muss ausgebaut werden
In den letzten Jahren ist die Durchlässigkeit des Bildungssystems gewachsen, die Weiterbildungsmöglichkeiten für Erzieherinnen hätten sich verbessert, wie auch Pia Theresa Franke, Kath. Büro Bayern, erklärte. Studiengänge, aufbauend auf der Erzieher/innenausbildung böten die Basis für die dringend notwendige qualitativ hochwertige Versorgung des frühpädagogischen Berufsfeldes mit Fachpersonal. Wie Prof. Dr. Ralf Kuckhermann (Dekanekonferenz Bayern, Hochschule Nürnberg) betonte, seien allein in Bayern bereits drei Bachelor-Studiengänge speziell für Erzieherinnen und Erzieher für den frühpädagogischen Bereich vorhanden bzw. in Planung. Durch den Bologna-Prozess sei ein Aufstieg vom Bachelor über den Master bis zum Doktortitel möglich geworden.
Für Kurt Mehler, Referatsleiter im Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, wären gerade auch Duale Studiengänge eine gute Möglichkeit für die Erzieherinnenausbildung. Er befürwortet neue Studienangebote und auch das z.B. in Landshut beabsichtigte „Schnupperangebote“ im Rahmen des Mobilitätsstudiums. Voraussetzung für akademische Angebote sei aber immer eine Hochschulzugangsberechtigung. Hier gab er zu bedenken, dass bei einer zu starken Akademisierung der Erzieher/innenausbildung die zwei Drittel der Erzieherinnen ohne höherem Schulabschluss ausgeschlossen würden.
Dies wäre besonders vor dem Hintergrund des zu erwarteten eklatanten Mangels an Erzieher/innen wenig wünschenswert. Aufgrund der demografischen Entwicklung und dem steigenden Bedarf an Erzieherinnen rechnet Dr. Hans Eirich vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit, Soziales, Familie und Frauen schon ab 2013 in Bayern mit rund 250 bis 300 nicht besetzten Erzieherinnenstellen.
Der Zugang von Erzieher/innen zum Studium an Hochschulen wurde durch die Anerkennung von geleisteten Ausbildungsinhalten und erworbenen beruflichen Vorerfahrungen durchlässiger. Nach fünf Jahren Fachakademie seien deren Absolventen/innen zum Studium berechtigt. Vor diesem Hintergrund wurde diskutiert, wie eine engere Verzahnung von Ausbildung in der Fachakademie und Hochschulstudium – über einen rein additiven Ansatz hinaus – ermöglicht werden könnte. Nur wenn die beiden Angebote kooperativ und ineinandergreifend genutzt werden könnten, wäre eine optimale Verknüpfung von praktischer Erfahrung und wissenschaftlichem Arbeiten Methodik möglich.
Beispiel "Mobilitätsstudium" der Fachakademie Mühldorf und der Hochschule Landshut
Wie eine solche Verzahnung aussehen könnte, zeigte das vorgestellte Pilotprojekt zwischen der Hochschule Landshut und der Fachakademie Mühldorf. Im Rahmen des Projekts „Lernen vor Ort“ wurde ein sog. „Mobilitätsstudium“ entwickelt. Es ermöglicht Studierenden der Fachakademie ein „Mobilitätsstudium“ an der Fakultät Soziale Arbeit bereits während ihrer Ausbildung an der Fachakademie. An der Hochschule erbrachte Credit Points werden im späteren Studium anerkannt. Angedacht sind zunächst die beiden Module „Einführung in Techniken wissenschaftlichen Arbeitens“ (3 Credit Points) und Theorie und Organisationen der Sozialen Arbeit (6 Credit Points) mit zusammen 4 Veranstaltungen im 2. Semester.
Auch ein curricularer Austausch zwischen beiden Systemen wird angestrebt. Studierende erhalten hierdurch eine Entscheidungshilfe für eine mögliche berufliche Weiterqualifikation durch ein Studium an der Hochschule. Mühldorfs Landrat, Georg Huber, befürwortet das Modell, eine hochqualifizierte Erzieherausbildung sei unerlässlich und gerade in diesem Bereich lebenslanges Lernen erforderlich. Das Mühldorfer Modell soll unter Einbeziehung und auf der Basis der Bedarfslagen der Fachakademien weiterentwickelt und ausgedehnt werden. Dies müsse ebenso wie die Umsetzung von weiteren akademischen Angeboten zeitnah geschehen, den Visionen müssten schnell Taten folgen, wie Erwin Gäb, Leiter der Fachakademie Mühldorf, betonte: „Die Kinder können nicht auf eine ausreichende Qualifikation der Erzieherinnen warten.“
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