Moraltheologe Dr. Hämmerl im ARD-Morgenmagazin
Weshalb betrifft uns die Havarie der Costa Condordia ungleich mehr als etwa das Schicksal von Flüchtlingen auf dem Weg von Afrika nach Europa? Dies, obwohl sich doch beides im selben Meer abspielt und bei letzterem ein Vielfaches an Toten zu beklagen ist? Dies war die Frage, die im ARD-Morgenmagazin an Dr. Alfons Hämmerl, Moraltheologe und katholischer Seelsorger an der Hochschule Landshut, gestellt wurde.
Für Dr. Alfons Hämmerl sind wir von einem Unglück, von dem wir hören, umso mehr betroffen, je näher es uns kommt und vor allem, „je mehr wir sagen müssen: das könnte auch mir passieren!“ Die Fahrt auf einem Kreuzfahrtschiff ist auf jeden Fall näher an uns dran als die Vorstellung, mit einer „Nussschale“ von Afrika nach Europa zu schippern. das kommt uns nicht so nahe und geht deswegen auch mehr an uns vorbei.
Hämmerl erinnert an Katastrophen, die ähnlich betroffen gemacht bzw. fasziniert hätten: z. B. der Absturz der Raumfähre Challenger 1986, oder das Sinken des russischen Atom-U-Bootes KURSK im Jahr 2004. Erst recht fühle man sich natürlich an das Sinken der Titanic vor nahezu genau 100 Jahren erinnert. Gemeinsam sei in diesen Fällen das Versagen von großartiger Technik, ein Versagen, dass man sich bis dahin kaum vorstellen konnte, wie bei der „unsinkbaren“ Titanic. Wenn es dann doch passiere, rufe das offenbar ein Schaudern oder Grausen hervor, das gleichzeitig etwas eigentümlich Faszinierendes und Anziehendes habe (fascinosum et tremendum), da es die menschliche Erfahrung widerspiegle, letztlich doch den Naturgewalten ausgeliefert zu sein.
Wenn sich eine Katastrophe in die Länge ziehe und dabei Rettungsmaßnahmen – oft dramatischer Art – unternommen würden, lasse dies Raum für fast romantische Geschichten und oft sehr anrührende Dramen mit Helden und Schuldigen. Dies typischerweise auch, wenn einzelne Opfer aus scheinbar aussichtsloser Lage nach Tagen noch gerettet würden. Solche Rettungen werden als wundersam empfunden und bieten viel Platz für Identifikation. Man denke an das Grubenunglück in Chile (August 2010) oder auch an Lengede 1963 („Das Wunder von Lengede“). Hier gelten die dramatischen Rettungsaktionen am Kreuzfahrtschiff und der Rettung von Einzelnen nach Tagen des Eingeschlossenseins als Parallele. Das Motiv wundersame Errettung grenze an religiöse Urerfahrung.
Natürlich würden Katastrophen aber auch eine gewisse Lust am Zuschauen (Voyeurismus) bedienen. Das Betrachten des Unglücks anderer Menschen habe irgendwie auch die Funktion, sich eigene Ängste vom Leib zu halten, in der Psychologie nenne man das „Escapismus“. Die Bewältigung von Unglück – so emotional es einen auch ergreife – könne nur sinnvoll geschehen, wenn man nicht in der Emotionalität stehen bleibe, sondern nach rationalen und gerechtigkeitsorientierten Strategien suche. „Unter diesem Gesichtspunkt ist es ein ethisches Gebot, auch den Flüchtlingen im Mittelmeer ein Gesicht zu geben: Vielleicht sind darunter ja auch junge Paare auf der Hochzeitsreise,“ resümiert Dr. Hämmerl.
Der TV-Beitrag steht leider in der Mediathek des ARD nicht mehr zur Verfügung.
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