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Jugendhilfe in Amsterdam – wertvolle Einblicke durch Studienreise

Die Landshuter Studiengruppe vor ihrer Boots-Unterkunft in Amsterdam.

Die 26 Studierenden des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe der Hochschule Landshut, die im Frühjahr ihr Studium als erste Generation absolvieren, informierten sich im Rahmen einer einwöchigen Studienreise über die Praxis der Jugendhilfe in Amsterdam. Das vielfältige Fachprogramm, das diverse Besuche und Begegnungen in innovativen und interessanten Einrichtungen und Projekten enthielt, wurde von der Auslandsbeauftragten der Fakultät Soziale Arbeit, Prof. Dr. Mechthild Wolff, zusammengestellt.

Reformbedürftiges System bei gleichzeitiger innovativer Praxis

Eingeführt wurde die Studiengruppe in den Aufbau des Hilfesystems in den Niederlanden durch Tijne Berg-le Clercq vom Nederlands Jeugdinstituut, dem niederländischen Jugendinstitut in Utrecht. Interessant war zunächst die Erkenntnis, dass es in den Niederlanden bis dato keine kommunalen Jugendämter gibt, wie sie in Deutschland seit der Weimarer Republik existieren. Die niederländischen Behörden sind auf kommunaler Ebene lediglich für präventive Aufgaben zuständig. Die Provinzbehörden springen allerdings ein, wenn ein gravierender Hilfebedarf in Familien besteht und beispielsweise in Fällen von Kindeswohlgefährdungen interveniert werden muss.

Große Freie Träger übernehmen dann die nötigen diagnostischen Aufgaben und platzieren Kinder und Jugendliche in Einrichtungen. Sie werden zudem schnell aktiv, wenn Kinder Gefahren ausgesetzt sind. Angesichts unklarer Zuständigkeiten und fehlender Finanzverantwortung seien Verschiebepraktiken oft die Folgen für die Kinder und Jugendlichen, so Tijne Berg-le Clercq. Auch sei es ein Nachteil, dass es in den Niederlanden kein eigenes Gesetz gebe, welches Hilfen für Kinder, Jugendliche und Familien eindeutig regele.

In Deutschland sei das seit 1990 existierende Sozialgesetzbuch VIII, das Kindern ein Recht auf Erziehung und staatliche Hilfe einräume, eine große Errungenschaft. Es regelt, welche Hilfen Eltern zustehen, wenn sie Unterstützung von Seiten des Staates bei der Erziehung benötigen. Eine Reform in Richtung einer besseren gesetzlichen Verankerung der Kinder- und Jugendhilfe sei in den Niederlanden derzeit im Gange.

Einblick in die Arbeit mit Betroffenen: von „lover boys“ und häuslicher Gewalt

Obwohl der Studiengruppe die niederländischen Jugendhilfestrukturen als reformbedürftig vorgestellt wurden, gab es bei den Besuchen in den Projekten allerlei Fremdes, Interessantes und Anregendes zu entdecken: so z.B. im Rahmen einer Einführung in das Phänomen sogenannter „lover boys“. Diese stellen in den Niederlanden ein Problem dar, denn Projekte sind verstärkt mit den Opfern von „lover boys“ befasst. Als solche werden Jungen und Männer bezeichnet, die sämtliche Formen von Beeinflussung, Druck und Suggestion anwenden, um Mädchen und Frauen von sich abhängig zu machen und Geld von ihnen zu erpressen oder zu erzwingen. Diese Jungen oder Männer stellen ihr Überleben sicher, indem sie Frauen emotional, psychisch und finanziell ausbeuten. Für die Opfer ist es schwierig, sich aus den  Abhängigkeiten lösen zu können. „lover boys“ kommen aus allen Kulturen, sind unterschiedlichen Alters und handeln aus diversen Motiven. Das Motiv der Ausbeutung anderer verbindet sie jedoch. 

Spannend fand die Studiengruppe auch das Projekt der „Blijf group“, das Jarka Zuijdervliet vorstellte. In diesem Projekt arbeitet ein multikulturelles und mehrsprachiges Team von 272 SozialarbeiterInnen in der Region Amsterdam mit Opfern häuslicher Gewalt - egal welchen Alters, welchen Geschlechts und welchen ethischen Hintergrunds. Die SozialarbeiterInnen fungieren als FallmanagerInnen, ihnen steht ein Repertoire von ambulanten Hilfemöglichkeiten, wie z.B. Beratung der Familien, zur Verfügung. Es kann aber auch eine stationäre Form oder anonyme Unterbringung organisiert werden, wenn zu große Gefahr für die Opfer besteht. Im Zentrum steht die Sicherheit des Opfers, eine stationäre Unterbringung ist das letzte Mittel der Wahl. Ähnlich wie in Deutschland kann auch in den Niederlanden ein Gericht Tätern oder Täterinnen die Auflage erteilen, sich einer Wohnung, in der das Opfer wohnt, nicht nähern zu dürfen. Eine solche Maßnahme wird als 10-Tages-Programm durchgeführt, Täter und Opfer werden in dieser Zeit intensiv psychologisch und sozialpädagogisch begleitet. Kann in den 10 Tagen keine Sicherheit erzielt werden, wird die Auflage für die Täter oder TäterInnen verlängert.

Straßensozialarbeit mit den jungen Herausgefallenen aus der Gesellschaft

Ähnlich engagiert wird in Amsterdam auch mit obdachlosen jungen Erwachsenen zwischen 18 und 23 Jahren gearbeitet. Sie müssen mittlerweile als sog. „Multiproblemfälle“ gelten, bevor sie Hilfe in Form eines Drogenentzugs oder einer Eingliederungsmaßnahme beanspruchen können. Dieser Tatbestand ist erfüllt, wenn der bzw. die junge Erwachsene sowohl obdachlos als auch verschuldet und suchterkrankt ist. Allein 140 SozialarbeiterInnen arbeiten in der Region Amsterdam mit dieser Zielgruppe. In dem Projekt in Bahnhofsnähe arbeiten fünf StraßensozialarbeiterInnen und zwei GruppenarbeiterInnen in einem offenen Treff, sie werden von einem Teamleiter begleitet. Betreut werden junge Frauen und junge Männer in einem Verhältnis 50:50. Allerdings müssen sie seit zwei Jahren einen festen Wohnsitz in Amsterdam und einen niederländischen Pass haben. Immer schwieriger werde es, überhaupt an diese Zielgruppe heranzukommen, sie geben allzu oft ganz auf, so die Gastgeber im Projekt. Die SozialarbeiterInnen arbeiten leistungsorientiert, sie müssen sich vertraglich binden, dass sie jährlich mindestens 25 KlientInnen intensiv im Jahr erfolgreich begleiten und 60 Beratungsfälle initiieren. Interessant ist für die Studiengruppe, dass wir auch in diesem Projekt wieder auf ein multikulturelles Team von SozialarbeiterInnen treffen.

Intensive Beziehungs- und Elternarbeit im Fokus eines Pilotprojekts

Es standen weitere Besuche - unter anderem in Projekten des größten Jugendhilfeträgers „Spirit“ - in Amsterdam auf der Agenda. „Spirit“ hat die Dimension eines deutschen Wohlfahrtsverbandes. In neun Regionen Amsterdams arbeitet dieser Träger jährlich mit 1.200 MitarbeiterInnen in 7.000 Familien, für die allein 27 unterschiedliche Hilfeformen organisiert werden können. Spirit hat einen Haushalt von 16 bis 17 Millionen Euro jährlich. Trotz oder gerade weil dieser Träger so groß ist, können auch innovative und ausgefallene Ideen verwirklicht werden. So lernt die Studiengruppe noch das Projekt „Driehuis“ kennen, das vor 3,5 Jahren seine Arbeit aufgenommen hat und noch in einer Pilotphase steckt. In dem Projekt arbeiten derzeit insgesamt 10 Personen mit 20 äußerst schwierigen jungen Menschen zwischen 7 und 17 Jahren. Im „Driehuis“ arbeiten aber keine Profis, sondern Menschen, die sich für drei Jahre einlassen wollen auf je zwei junge Menschen. Zumeist haben sie sich aus ihren Herkunftsfamilien, aus Pflegefamilien oder Heimen verabschiedet.  Die Lebensbegleiter leben in geräumigen und sehr ansprechenden Dienstwohnungen mit je zwei jungen Menschen zusammen. Den Kontakt zu ihren eigenen Familien halten die Begleiter aufrecht oder integrieren ihre Partner und Kinder, soweit dies geht. Unterstützt werden die Lebensbegleiter von einen großen Netzwerk von SupervisorInnen und PsychologInnen. Vor ihrer Tätigkeit als Begleiter haben sie ein Training absolviert und sind in die Methode des PMTO (Parent Management Training Oregon) eingewiesen worden, eine Methode zur intensiven Elternarbeit. Dies ist auch ein Spezifikum, denn die Begleiter arbeiten auch intensiv mit den Familien der Kinder und versuchen diese so gut wie möglich in ihr Zusammenleben mit den Kindern zu involvieren. 

Das Erfolgsrezept für dieses beeindruckende Projekt besteht in der Intensität der Beziehungen, die hier aufgebaut werden können sowie in der hohen Aufmerksamkeit, die den jungen Menschen zuteil wird. Die Menschen, die die Reisegruppe in diesem Projekt kennen lernt, geben viel und ermöglichen den jungen Menschen einmalige Lebenserfahrungen. Deutlich wird aber auch, dass es inzwischen schwierig wird, andere motivierte Menschen zu finden, die bereit sind, sich auf diese herausgefallenen Kinder und Jugendlichen einzulassen. 

Die Jugendhilfe in Amsterdam hat allen TeilnehmerInnen Beeindruckendes und Verwirrendes zugleich offenbart. Solche Erfahrungen kann man nur auf Studienfahrten machen. Für die fachliche und persönliche Entwicklung sind solche Lernprozesse äußerst wertvoll. Neben den fachlichen Impulsen gab es jede Menge Kultur, Spaß und Abenteuerliches in Amsterdam zu entdecken, das Schiff, auf dem die Reisegruppe wohnte, war ein Erlebnis und passte zum Stadtgefühl. Angesichts der guten Kontakte nach Amsterdam wird eine weitere Studienreise sicher auf dem Plan stehen. Die Studienfahrt wurde aus Studienbeiträgen finanziert. 
  

 

 

 


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Updated: 31.10.2011
 
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